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,September 2005
Das Lernen verlernt
Viele Unternehmer beklagen bei ihren Auszubildenden die mangelnde Schulbildung. Dabei sind die Schulabgänger nicht weniger intelligent als früher, sie haben nur das Lernen verlernt.
Die PISA-Studie hat es verdeutlicht. Deutschlands Schüler rangieren im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld. In der Mathematik, der Lesekompetenz und den Naturwissenschaften bewegen sich gut 20 Prozent aller Schüler in oder unterhalb der ersten Kompetenzstufe. Einzig bei der komplexen Problemlösefähigkeit bewegt sich Deutschland im oberen Mittelfeld. Ein bescheidenes Ergebnis für unsere Wissensgesellschaft. Mit dem Programm "Zukunft Bildung" versucht die Politik gegenzusteuern. Dennoch spricht die Bundesministerin für Bildung Edelgard Buhlmann vom langen Atem, den man benötigt, bis erste Besserungen zu erkennen sein werden.
Ausbildungsziel nicht erreicht
Welche Auswirkungen die Misere schon heute hat, fasst Horst Kornetka, ein Obermeister im
Vulkaniseurhandwerk, in drastische Worte: "Wir haben freie Ausbildungsplätze, viele Bewerber und trotzdem kaum wirklich ausbildungswillige und -fähige Azubis. Auch bei uns steigen die technischen Anforderungen kontinuierlich. Dies führt dazu, dass immer mehr Auszubildende die Ausbildungsziele nicht erreichen. Die Quote der Durchgefallenen liegt schon jetzt bei 25 Prozent - Tendenz steigend." Diese Problematik trifft jene Unternehmen am härtesten, in denen Auszubildende schnell ihren Beitrag zur Wertschöpfung leisten müssen. Kleine Unternehmen haben zudem kaum eine Chance, gute Azubis zu bekommen.
Doch damit nicht genug: Laut Bildungsbericht 2005 werden sich schon bald die Auswirkungen des demografischen Wandels bemerkbar machen. Prognostiziert wird, dass ab 2006 in den neuen und ab 2010 in den alten Bundesländern das Lehrstellenangebot die Nachfrage deutlich übersteigt. Selbst bei gleich bleibend schlechter wirtschaftlicher Dynamik, werden deutschen Unternehmen im Jahr 2015 über 3,5 Millionen Facharbeiter fehlen. Stefan Küppers von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) beschreibt vor diesem Hintergrund, dass immer mehr Unternehmen vor einer unattraktiven Wahl stehen. "Entweder sie verzichten auf Ausbildung und bekommen zukünftig Probleme bei der Besetzung ihrer Facharbeiterstellen, oder sie versuchen, eigentlich nicht ausbildungsfähige Azubis zu qualifizieren."
Fehlende Grundfertigkeiten
Der AEG SIGNUM stellt sich diesem Problem auf besondere Weise, denn Ausbildung ist ihr Geschäft. Das Unternehmen bildet an sechs Standorten über 2400 Auszubildende in 24 Berufen aus. Entsprechend der unterschiedlichen Ausbildungsanforderungen trifft man bei der AEG SIGNUM Auszubildende mit allen schulischen Hintergründen an. Am Standort Berlin werden zudem 20 von der Bundesagentur für Arbeit geförderte Jugendliche zum Fertigungsmechaniker ausgebildet. Dabei handelt es sich um eine besondere Gruppe von Auszubildenden: Es sind junge Männer, die nur unter Schwierigkeiten einen Hauptschulabschluss erworben haben. Durchaus leistungsmotiviert haben sie große Probleme, das theoretische Fundament ihres Berufes zu erarbeiten. In der Praxis zeigte sich, dass Inhalte, die ihnen vermittelt wurden, am nächsten Tag kaum noch präsent waren.
Selbstständig Lernen
Ein Problem, dass sich in dieser Gruppe besonders deutlich abzeichnet, ansatzweise aber auch in regulären Ausbildungsgruppen anzutreffen ist. Dabei reicht es für AEG SIGNUM als Ausbildungsdienstleister nicht, wenn Auszubildende lediglich die erforderlichen Fachqualifikationen erarbeiten, um ihren Facharbeiterbrief zu erhalten. Die Auszubildenden sollen auch morgen noch den Anforderungen gerecht werden, daher müssen sie selbstständig lernen können.
Doch gerade im Bereich des selbstständigen Lernens traten bei Auszubildenden immer öfter Defizite auf. Mit Hilfe externer
Dienstleister, die sich darauf spezialisiert haben, Lern- und Handlungskompetenzen zu analysieren und zu trainieren, sollte in Erfahrung gebracht werden, welche Leistungssteigerung sich in dieser besonderen Zielgruppe durch ein Lernkompetenztraining erreichen lässt. Es sollte zudem vermittelt werden, wie man Lern- und Handlungskompetenzen bei Auszubildenden aufbauen und trainieren kann. Lernkompetenzdefizite entstehen nicht, weil die Azubis heute dümmer sind als vor 20 Jahren. Was den meisten heute fehlt, sind die Grundfertigkeiten des Lernens. Betrachtet man das Problem aus der lernpsychologischen Perspektive, dann laufen Lernprozesse erfolgreich ab, wenn der Lernende neue Informationen mit Bestandswissen adäquat verknüpft. Hier spielen die Grundfertigkeiten des Lernens eine große Rolle. Sie sind es, die diesen Verknüpfungsprozess unterstützen. Doch viele Auszubildende beherrschen diese Grundfertigkeiten nicht ausreichend. Dies hat zur Folge, dass Informationen zwar aufgenommen, aber inadäquat abgespeichert werden. Damit können sie zukünftig nicht sicher abgerufen werden. Will man Lernverhalten optimieren, muss man folglich die Grundfertigkeiten des Lernens trainieren.
Nicht dümmer als früher
Genau dies geschah in dem über drei Monate laufenden Projekt bei der AEG SIGNUM in Berlin. Trainiert wurde eine Gruppe von neun angehenden Fertigungsmechanikern. Diese unterzogen sich zu Beginn und am Ende der Maßnahme einer umfassenden Diagnostik. Dabei wurden sie über ein spezielles Verfahren zur Lernpotenzialdiagnostik (CMA) und mit Hilfe berufsbezogener Testverfahren auf ihre Fachkenntnisse in Deutsch und Mathematik getestet. Anschließend erhielten sie innerhalb von 3 Monaten 16 kurze Trainingseinheiten, in denen die Grundfertigkeiten des Lernens trainiert wurden. Zudem erhielten sie insgesamt 42 Förderstunden in denen ihre mathematischen Basiskenntnisse, sowie ihre Lese- und Rechtschreibkompetenz trainiert wurden. Um die erzielten Ergebnisse wissenschaftlich abzusichern, wurde eine Kontrollgruppe aus elf angehenden Fertigungsmechanikern einer Vergleichsdiagnostik unterzogen. Sowohl während der Lern-, als auch während der fachbezogenen Trainingseinheiten standen nicht die konkreten Aufgabenlösungen im Vordergrund. Es ging vielmehr darum, stattfindende Lernprozesse aufzudecken und zu thematisieren. Will man Lernprozesse trainieren, dann muss man diese zunächst transparent machen. Man muss aufzeigen, wie der Einzelne Aufgabenstellungen erfasst, Lösungsstrategien zur Aufgabendurchführung entwickelt, relevantes Wissen bereitstellt, Kriterien zur Arbeitsprüfung heranzieht und mit Frustrationen umgeht.
Grundschulniveau
Trotz der kurzen Interventionszeit zeigten die Auszubildenden der AEG SIGNUM erheblich häufiger als zuvor eine eigenmotivierte, fragende und aktive Auseinandersetzung mit den anstehenden Aufgabenstellungen. Über diese tiefere Auseinandersetzung mit den Aufgaben bleibt bei den Auszubildenden mehr Wissen hängen. Leistungssteigerungen konnten auch auf der fachlichen Ebene erzielt werden.
Rudolph Wachsmuth,
Leiter AEG SIGNUM
Bildungszentrum, Berlin
RWachsmuth@aeg-signum.de
Jens Lauer,
Institut für prozessorientierte Unternehmenslösungen (IPUL),
j.lauer@ipul.de
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